Das Search Fund Modell ist in Deutschland nicht mehr nur ein Konzept, sondern seit über einem Jahrzehnt gelebte Praxis. Zwei Beispiele zeigen, wie sich solche Fälle erfolgreich entwickeln können:
INVERS
Uwe Latsch entwickelte 1993 an der Universität Siegen das weltweit erste automatisierte Carsharing-System und gründete daraus INVERS. Zwei Jahrzehnte später stand die Frage nach der Überführung des Unternehmens in die nächste Größenordnung.
Die Antwort lieferte 2012 Alexander Kirn, der die Mehrheit und die Geschäftsführung übernahm. Kirn hatte 2009 den ersten Search Fund Deutschlands aufgelegt, rund 150 Unternehmen geprüft und zweieinhalb Jahre gesucht. Entscheidend für den Gründer war, dass er bleiben konnte: Latsch gab die strategische Führung ab und konzentrierte sich als CTO wieder auf das, was er am besten kann – die Produktentwicklung. Er ist bis heute in dieser Rolle im Unternehmen.
Aus rund 40 Mitarbeitenden zum Zeitpunkt der Übernahme sind heute über 190 geworden, an drei Standorten. Der Firmensitz ist unverändert Netphen, der Name unverändert INVERS, das Unternehmen nach eigenen Angaben Weltmarktführer für Shared-Mobility-Technologie. Alexander Kirn führt es vierzehn Jahre nach der Übernahme weiterhin als CEO.
Das Beispiel zeigt zweierlei: Obwohl er es gekonnt hätte, musste sich der Gründer nicht vollständig zurückziehen, sondern konnte seine Rolle neu zuschneiden. Zum anderen ist das Unternehmen weitergewachsen und wird heute immer noch von dem Nachfolger geführt und vergrößert, der es vor 14 Jahren übernommen hat.
Herchenbach Industrial Buildings
Herchenbach wurde 1924 als Festzeltverleih in Troisdorf gegründet und entwickelte sich über Jahrzehnte zum Hersteller modularer Leichtbau- und Lagerhallen mit eigenen Aluminiumprofilen und dem patentierten Stecksystem Heba-Fix.
Anfang 2015 erwarben Till Bossert und Tobias Raeber das damals 91 Jahre alte Unternehmen über ihren Search Fund Kronos Kapital. Beide zogen in die operative Führung ein und stellten das Unternehmen um: neues ERP-System, neu aufgestellte Organisation, ausgebauter Vertrieb und Service, erste eigene Teams für Frankreich und Großbritannien. 2018 und 2019 wurde Herchenbach als „Top 100 Innovator“ ausgezeichnet.
Elf Jahre später ist Till Bossert weiterhin CEO, seit 2019 in einer Doppelspitze. Der Sitz ist Hennef, der Name unverändert Herchenbach. Rund 150 Mitarbeitende arbeiten heute in sieben europäischen Ländern, über 6.000 Hallenprojekte wurden realisiert. Das Unternehmen hat 2024 sein hundertjähriges Bestehen gefeiert und wächst inzwischen selbst durch Zukäufe – 2024 durch die Übernahme eines Mietparks in Deutschland, 2025 durch einen weiteren in Polen.
Das Beispiel zeigt: Aus einem mittelständischen Traditionsunternehmen ist unter einem Search-Fund-Nachfolger ein europaweit tätiger Anbieter geworden – am selben Standort, unter demselben Namen, geführt von derselben Person, die 2015 eingestiegen ist.
